Zur aktuellen Situation

Der Bundestag hat Anfang Mai diesen Jahres eine Verdopplung der bisherigen Rentenansprüche von Conterganopfern auf maximal 1090,- EUR pro Monat beschlossen. Die Höhe des ausgezahlten Geldes richtet sich nach dem jeweiligen Schädigungsgrad und beginnt bei einem Betrag von 242,- EUR. Davon kann man schon unter normalen Umständen nur sehr eingeschränkt leben - für einen mehrfach Schwerstbehinderten ist diese Summe deutlich zu gering und liegt weit unter den im internationalen Vergleich üblichen Beträgen! So werden z.B. in England deutlich über 3000,- EUR in Schweden im Durchschnitt 2200,- EUR pro Monat gezahlt. Laut Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 15. Juli 1976 hat die Bundesregierung aufgrund ihres Handelns im Conterganskandal eine besondere Verantwortung für die Versorgung der Conterganopfer. Die Opfer haben einen Rechtsanspruch auf die Versorgung durch den Bund (mehr dazu).

Die Firma Grünenthal, die das Medikament 1957 auf den Markt brachte, hat im gleichen Zuge versprochen, der Contergan-Stiftung erneut 50 Millionen EUR zuzustiften - als Spende für die Opfer, nicht als Entschädigung für begangenes Unrecht! Diese 50 Millionen Euro ergeben auf 2.850 noch lebende Opfer, bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 30 Jahren, lediglich EUR 1,60 pro Tag (Berechnung)! Statt des dabei sich ergebenden Betrages von 584 EUR jährlich liegt der Jahresbedarf für einen Schwerstgeschädigten aber bei 59.479 EUR (Berechnung). Dies ist dargelegt im ICTA-Schadensausgleichsplan, der sowohl der Bundesregierung als auch Grünenthal schon seit längerem vorliegt.

Bei einer öffentliche Anhörung des Familienausschusses des Bundestags zum Thema Contergan am 28.5.2008 (Dokumentation hier) waren alle anwesenden Experten der Meinung, dass die bisher unternommenen Schritte bei weitem nicht ausreichen! Dennoch passiert nichts!

Der Bundesverband Contergangeschädigter

Der "Bundesverband Contergangeschädigter" ist der einzige Verband, mit dem die Bundesregierung und die Firma Grünenthal Verhandlungen führen. Dabei ist das Mandat des Bundesverbandes mehr als zweifelhaft. Er vertritt nach unseren Einschätzungen nicht mehr als 400 Mitglieder (bei 2850 noch lebenden Contergangeschädigten in Deutschland). Seine Verhandlungstaktik stößt bei der Mehrzahl der Opfer auf Unverständnis und Widerstand. Die Regierung und Grünenthal verhandeln daher mit dem falschen Partner.

Zur Geschichte

Das Medikament "Contergan" wurde von Oktober 1957 bis November 1961 von der Firma Grünenthal international vertrieben. Es wurde als ungefährliches Beruhigungsmittel beworben, mit besonderer Empfehlung zur Einnahme in der ersten Phase der Schwangerschaft. In den USA und in der damaligen DDR wurde das Medikament allerdings nicht eingeführt, da man dort Bedenken bezüglich der Nebenwirkungen insbesondere auf Embryonen hatte. Entwickelt wurde das Medikament von Heinrich Mückter, der unter dem NS-Regime Versuche an KZ-Insassen im großen Stil durchgeführt hatte. Die Firma Grünenthal reagiert auf die sich 1961 häufenden Hinweise, die einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Contergan in der Schwangerschaft und dem Auftreten von schweren Verkrüppelungen an Neugeborenen hinwiesen, mit Zurückweisungen, auch dann noch als der Hamburger Mediziner Widukind Lenz an das Unternehmen herantrat und die Zusammenhänge empirisch begründet darlegte. Grünenthal verwies darauf, dass Experimente mit Ratten keine Nebenwirkungen gezeigt hätten. Erst nach dem Erscheinen eines ausführlichen Berichtes in der "Welt am Sonntag" zog die Firma das Medikament vom Markt zurück - nicht, weil man von den Argumenten überzeugt gewesen wäre, sondern weil man aufgrund der politischen Stimmung keine Möglichkeit mehr sah, das Medikament weiter zu vermarkten!

Zu spät: Über 5000 Contergan-geschädigte Kinder kamen allein in Deutschland zur Welt. Viele von ihnen überlebten das erste Lebensjahr nicht. Heute leben noch ca. 2850 dieser Conterganopfer. Nach 7 Jahren Recherche begann 1968 der Prozess gegen die Firma Grünenthal und die Eigentümerfamilie Wirtz. Die Firma Grünenthal weigerte sich dabei zunächst hartnäckig den kausalen Zusammenhang zwischen Contergan und den Behinderungen der Neugeborenen anzuerkennen!

Der Prozess wurde 1970 nach einem außergerichtlichen Vergleich, bei dem auf die Eltern der Opfer sowohl von Seiten der Bundesregierung als auch von Seiten der Firma Grünenthal erheblicher psychologischer Druck ausgeübt wurde, eingestellt. Gegenstand des Vergleichs war eine einmalige Spende (!) der Firma Grünenthal in Höhe von damals 100 Millionen DM (also 50 Millionen EUR), die dann auf Drängen der Regierung in eine Stiftung eingezahlt wurde, aus der Gelder nur bekam, wer auf weitere Schadensersatzansprüche verzichtete. Wir als die eigentlichen Opfer wohlbemerkt waren damals noch Kinder. Es wurde über unsere Köpfe hinweg entschieden, dass wir keine Rechtsansprüche mehr geltend machen können. Wir wurden entrechtet! Die Einzahlungen in den Fonds, der aus Mitteln der Bundesregierung ergänzt wurde, sind seit 1997 aufgebraucht.

Ausführlichere Informationen zur Geschichte des Contergan-Skandals: